iL‒AKTUELL
18. Februar 2026
Haikun Liu vom DKFZ: „Publikationen retten keine Leben – Produkte tun es“
Glioblastome zählen zu den aggressivsten und therapieresistentesten Krebsarten – trotz jahrzehntelanger Forschung bleiben echte Durchbrüche selten. Professor Dr. Haikun Liu erklärt im iL-Experteninterview, warum prädiktive Modelle, patientenindividuelle Tumororganoide und KI-gestützte Analysen den entscheidenden Wendepunkt markieren könnten – und wie Translation, Unternehmertum und interdisziplinäre Zusammenarbeit die Hirnkrebstherapie grundlegend verändern sollen.
Bei GENESIS 26 – The LIFE SCIENCE TECH DAY am 12. März wird Haikun Liu, der am DKFZ die Abteilung Molekulare Neurogenetik leitet und im letzten Jahr das Spin-off AIPTO TechBio GmbH gegründet hat, einen Vortrag halten und eine Experten-Session moderieren.
Professor Dr. Haikun Liu, Abteilungsleiter Molekulare Neurogenetik am DKFZ und Gründer von AIPTO TechBio GmbH
Bild: Haikun Liu/DKFZ
Fünf Fragen an … Haikun Liu
Herr Liu, Glioblastome, hochgradig bösartige Hirntumore, gelten als eine der komplexesten und therapieresistentesten Krebserkrankungen. Was ist der entscheidende biologische „Flaschenhals“, den es zu überwinden gilt, um Heilung zu ermöglichen?
Haikun Liu: In den vergangenen 15 bis 20 Jahren wurden enorme Anstrengungen im Bereich des Glioblastoms unternommen, darunter zahlreiche klinische Studien – dennoch hat keine davon ein klar wirksames neues Medikament für Patientinnen und Patienten hervorgebracht. Das lange Ausbleiben wirklich durchschlagender Neuzulassungen deutet darauf hin, dass der entscheidende Engpass nicht im Mangel an Bemühungen liegt, sondern im Fehlen prädiktiver Modelle. Zu viele Wirkstoffkandidaten erscheinen in Zell- und Tiermodellen vielversprechend, doch diese Ergebnisse sagen das Ansprechen bei Patientinnen und Patienten nicht zuverlässig voraus. Wir benötigen daher präklinische Systeme, die klinische Wirksamkeit tatsächlich vorhersagen können und die Erfolgsrate von der Entdeckung bis zum Nutzen für Patientinnen und Patienten deutlich erhöhen.
Ein zweiter wesentlicher Engpass besteht darin, dass viele gängige Modelle (insbesondere Inzucht-Tiermodelle) zu homogen sind und die reale Vielfalt der Patientinnen und Patienten nicht abbilden. Glioblastom-Patientinnen und -Patienten sind hochgradig heterogen – und genau diese Heterogenität entscheidet darüber, wer auf ein Medikament anspricht und wer nicht. Wir brauchen Modelle, die diese Unterschiede zwischen einzelnen Patientinnen und Patienten erfassen, um Responder von Non-Respondern unterscheiden und wirklich effektive, stratifizierte Therapien entwickeln zu können.
Sie haben vor etwas mehr als einem Jahr mit AIPTO TechBio ein Unternehmen gegründet. Was war der Auslöser für diesen Schritt – welche Lücke zwischen Labor und klinischer Anwendung wollen Sie dadurch schließen?
Liu: Ich habe AIPTO gegründet, weil wir diese Limitationen früh erkannt und beschlossen haben, sie mit einer technologiegetriebenen Lösung anzugehen. Wir haben eine individualisierte, patientenabgeleitete Tumororganoid-Plattform entwickelt, die die Tumorbiologie jedes einzelnen Patienten im Labor modelliert und dabei klinisch relevante Heterogenität bewahrt. Dadurch ist das Modell deutlich patientennäher und ermöglicht – entscheidend – eine klinisch sinnvolle Vorhersage des Therapieansprechens.
Das Transformative an dieser Plattform ist, dass sie die gesamte F&E-Pipeline in einem kohärenten System verbinden kann – von der Target-Identifizierung und -Validierung über die Bewertung von Wirkstoffkandidaten bis hin zur Patientenselektion und einer intelligenteren Gestaltung klinischer Studien. Wir haben sie mit Blick auf den Patientennutzen entwickelt, und die Überführung aus der akademischen Forschung in ein industrielles Umfeld ist der direkteste Weg, sie in die reale Anwendung zu bringen und ihren Einfluss auf die Patientenversorgung zu maximieren. Wie ich oft sage: Publikationen retten keine Leben – Produkte tun es.
Der AIPTO-Ansatz, bei dem Wirkstoff-Antwortdaten in DELPHAI (prädiktiver KI-Agent zur Behandlung von Glioblastomen) überführt werden
Grafik: Haikun Liu/DKFZ
Grundlegender Paradigmenwechsel in der Onkologie
Welche Zukunftsperspektive können KI-gestützte Analysen, funktionelle Genomik und neuartige Modellsysteme bei der Entschlüsselung von Glioblastomen oder auch anderen Gehirntumoren bieten?
Liu: Wir erleben derzeit eine kraftvolle Konvergenz dreier Entwicklungen: rasante Fortschritte in der Genomik (insbesondere Einzelzell- und räumliche Profilierung), große Durchbrüche in der KI-gestützten Analyse sowie die zunehmende Fähigkeit, menschliche Tumoren in patientenabgeleiteten Systemen zu kultivieren und gezielt zu perturbieren. Plattformen wie individualisierte, patientenabgeleitete Tumororganoide fungieren als echte Datengeneratoren: Wir können definierte Wirkstoffperturbationen in einem humanrelevanten Kontext durchführen und die Reaktionen auf Einzelzellniveau auslesen. So entstehen extrem reichhaltige Datensätze – Tausende von Genen über Millionen von Zellen hinweg, über viele Patientinnen und Patienten und Bedingungen hinweg.
Diese Datensätze ermöglichen prädiktive KI-Modelle, die die Regeln von Ansprechen und Resistenz erlernen. Dadurch werden Target-Identifizierung, Wirkmechanismus-Studien, Arzneimittelentwicklung und – ganz entscheidend – die Patientenselektion beschleunigt. Letztlich betrifft das nicht nur das Glioblastom oder Hirntumore. Es hat das Potenzial, einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Onkologie voranzutreiben: weg vom Trial-and-Error-Ansatz hin zu datengetriebener, patientenspezifischer Vorhersage und wirklich rationaler, stratifizierter Krebstherapie.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, aber auch Chancen in der Translation – insbesondere in der Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen, Start-ups, Industrie und klinischer Praxis?
Liu: Die größte Herausforderung in der Translation ist, dass exzellente Wissenschaft allein nicht ausreicht. Um echte Wirkung für Patientinnen und Patienten zu erzielen, braucht es ein außergewöhnliches Team, starke Partner und die Ausdauer, Skepsis und Rückschläge zu überwinden – denn der Weg von einer Technologie aus dem Labor in die Praxis ist immer schwierig, selbst wenn das Konzept überzeugend ist. Man muss Kooperationspartner, Industrie, oft sogar die eigene Organisation überzeugen und strukturelle Hürden überwinden.
Wir konzentrieren uns jedoch nicht darauf, uns zu beklagen – sondern darauf, wie wir es möglich machen können. Indem wir die bestmöglichen Rahmenbedingungen schaffen: ein starkes Team aufbauen, umfangreiche Netzwerke etablieren und das Heidelberger Umfeld intelligent nutzen – einschließlich des DKFZ, lokaler Innovationsstrukturen wie dem InnovationLab sowie der erstklassigen Neuroonkologie-Landschaft auf dem Heidelberger Campus.
Wir tun das, weil die Chance enorm ist. Das europäische Innovationsökosystem entwickelt sich stetig weiter, und Orte wie Heidelberg bieten einzigartige Vorteile: erstklassige Krebsforschung, starke klinische Netzwerke und ein schnell wachsendes Innovationsumfeld. Historisch hat diese Region herausragende Unternehmen und wirkungsvolle Technologien hervorgebracht – getragen von talentierten, entschlossenen Menschen. Ich glaube, wir stehen erneut an einem Wendepunkt und haben die Möglichkeit, die Krebsforschung und -therapie der kommenden Jahrzehnte entscheidend mitzugestalten.
Als Chairman der ersten Workshop-Session und Speaker bei GENESIS 26 - The LIFE SCIENCE TECH DAY: Welche Impulse möchten Sie den Teilnehmenden in Ihrer Doppelfunktion mitgeben, und welche Art von Kooperationen hoffen Sie durch die Veranstaltung anzustoßen?
Liu: GENESIS 26 kommt genau zur richtigen Zeit, weil die Veranstaltung genau die Zutaten zusammenbringt, die für echte Wirkung notwendig sind: Spitzenforschung in Bioengineering und KI, starke Technologie- und Industriepartner sowie ein gemeinsames Bekenntnis zur Translation. In meiner Doppelrolle möchte ich die Teilnehmenden ermutigen, über disziplinäre Grenzen hinauszudenken und aktiv Kooperationen zu suchen, die Grundlagenforschung mit praktischer Umsetzung verbinden.
Aus meiner Erfahrung im letzten Jahr weiß ich, dass solche Treffen sehr direkt in neue Partnerschaften münden können – ich selbst habe nach meiner Teilnahme mehrere wertvolle Kooperationen initiiert. In diesem Jahr hoffe ich, dass die Veranstaltung gemeinsame Projekte zwischen Wissenschaft und Industrie, zwischen Krebsforschern und Ingenieuren sowie mit Pharma- und Biotech-Partnern anstößt. Letztlich geht es darum, Menschen zusammenzubringen, die ambitionierte Ideen realisierbar machen – und vielversprechende Wissenschaft in messbare Verbesserungen für Patientinnen und Patienten zu überführen.
Zur Person
Professor Dr. Haikun Liu leitet die Abteilung Molekulare Neurogenetik am DKFZ in Heidelberg. Sein Labor arbeitet an Heilungsansätzen für das Glioblastom; zudem ist er wissenschaftlicher Gründer von AIPTO.
Über das DKFZ und die AIPTO TechBio GmbH
Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist die größte biomedizinische Forschungseinrichtung Deutschlands, Teil der Helmholtz-Gemeinschaft und der Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung.
Die AIPTO TechBio GmbH, ein Spin-off des DKFZ, adressiert die große Herausforderung der Hirnkrebstherapie mit einer disruptiven Technologieplattform, die Next-Generation-Patienten-Avatare und generative, agentische KI integriert. Die Mission von AIPTO ist es, die Hirnkrebstherapie zu revolutionieren und personalisierte, wirksame Behandlungen bereitzustellen.

Das Interview führte Joachim Klaehn
Event-Details:
GENESIS 26 The LIFE SCIENCE TECH DAY:
Titel:
„Entwicklung der nächsten Generation von Plattformen für Krankheitsmodellierung und Wirkstofftests“ (Engineering Next‒Generation Platforms for Disease Modeling and Drug Screening)
Wann?
Donnerstag, 12. März 2026 (9.30 17.00 Uhr)
Wo?
FRAUENBAD im Alten Hallenbad von Heidelberg, Bergheimer Straße 45, 69115 Heidelberg
Hinweis:
GENESIS 26 The LIFE SCIENCE TECH DAY wird in englischer Sprache stattfinden
Teilnahmegebühr:
70,00 Euro
Ansprechpartner:
Dr. Reza Taale, Cluster Manager, Tel.: +49 (0) 157 806 444 92, E‒Mail: reza.taale@innovationlab.de

Dr. Kerstin Zyber‒Bayer
Senior Manager Strategic Marketing & Communications
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