iL‒AKTUELL
25. März 2025
Rainer Wessel vom DKFZ: „Förderung der frühen Arzneimittelforschung“
Das Innovation Management (IM) am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) hat das strategische Ziel, exzellente Forschung in nachhaltige Anwendungen zu überführen, um Patienten zu helfen und der Gesellschaft zu nützen. Dr. Rainer Wessel ist der erfahrene Chief Innovation Manager am DKFZ. Beim LIFE SCIENCE TECH DAY am 29. April (Dienstag, 9 bis 17 Uhr) ist er Teilnehmer der Paneldiskussion, die Dr. Friedemann Loos vom bioRN Life Science Cluster als Moderator leitet. Mit Rainer Wessel führten wir von iL folgendes Experten‒Interview.
Herr Wessel, welche Motivation haben Sie, am InnovationLab‒Workshop „Organ‒on‒Chip“ als Panelist in Heidelberg das Thema zu analysieren?
Rainer Wessel: Das DKFZ, als größtes Krebsforschungszentrum in Europa, fokussiert sich zunehmend auf die Förderung der frühen Arzneimittelforschung. In diesem Zusammenhang sehen wir die Notwendigkeit, frühzeitig Materialwissenschaftler und Biowissenschaftler zusammenzubringen, um hochentwickelte, patienten‒nahe Modellsysteme zu entwickeln, die die Arzneimittelforschung verbessern können. Die Integration von KI‒gesteuerten Ansätzen zielt auf eine Beschleunigung der Innovation in der Entdeckung von Krebsmedikamenten sowie auf eine gleichzeitige Sicherstellung erschwinglicher und zugänglicher neuer therapeutischer Lösungen ab. Die „Organ‒on‒chip“‒Technologie sehen wir dabei als einen wichtigen Baustein in der Erarbeitung dieser Lösungen.
Sie sind Chief Innovation Officer am DKFZ, verantworten das Innovation Management. Warum ist OoC aus Ihrer fachlichen Perspektive gerade jetzt so wichtig?
Wessel: Wie bereits in der Beantwortung der ersten Frage angesprochen, ist die kontinuierliche Verbesserung präklinischer Modellsysteme von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung neuer und bessere Krebsmedikamente. Dies ermöglicht letztlich eine präzisere Vorhersage und Beurteilung der therapeutischen Effektivität neuer Substanzen in nachfolgenden klinischen Prüfungen. Die wissenschaftliche, translationale und transferorientierte Expertise, die am DKFZ vorhanden ist und kürzlich von einem internationalen Expertengremium mit der höchsten Kategorie als „outstanding“ beurteilt wurde, betrachte ich als einen wesentlichen Faktor, um diese Fragestellung zu adressieren. In Verbindung mit KI‒Verfahren sehe ich OoC‒Technologien als einen vielversprechenden Ansatz, um dem Ziel näher zu kommen, qualitativ bessere Technologien als einfache zelluläre in vitro‒Systeme oder Tiermodelle in der Arzneimittelforschung einzusetzen. Dies beschleunigt nach unserer Einschätzung eine schnellere und zielgerichtete Entwicklung neuer Medikamente, was dann auch zu einer Kostenreduktion führen würde.
Chief Innovation Officer am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ): Dr. Rainer Wessel ist beim LIFE SCIENCE TECH DAY am 29. April als Teilnehmer der Paneldiskussion sowie als Netzwerker am Start. Bild: DKFZ
Relevante Modelle erstellen
Welche technologischen, strukturellen und regulatorischen Herausforderungen müssen im Forschungs‒ und Unternehmensbereich dringend angegangen werden?
Wessel: Die rasche Integration neuer Technologien in den Alltag der Arzneimittelforschung ist ein wesentlicher Aspekt, um das oben skizzierte Ziel zu erreichen. Dieser Prozess vollzieht sich nicht nur in der akademischen Forschung und den Unternehmen, sondern auch im regulatorischen Bereich. Sollten sich OoCs daher als geeignet erweisen, beispielsweise für das Ersetzen bestimmter Tierversuche in der präklinischen Entwicklung, so ist eine entsprechende Berücksichtigung durch die regulatorischen Behörden erforderlich.
Können Sie über konkrete, erfolgreiche Anwendungsbeispiele von OoC‒Technologien in der Industrie und im Klinikalltag berichten?
Wessel: OoC‒Technologien werden zunehmend in der Arzneimittelforschung eingesetzt, um genauere und für den Menschen relevante Modelle zu erstellen und damit die Vorhersage der Wirksamkeit und Sicherheit von Arzneimitteln zu verbessern. Ich nenne gerne ein paar Beispiele:
• Forscher haben eine Plattform entwickelt, die künstlich hergestelltes menschliches Tumorgewebe und Herzgewebe integriert, um sowohl die Anti‒Tumor‒Wirksamkeit als auch die potenzielle Kardiotoxizität von Medikamenten zu bewerten. Beispielsweise wurde das Krebsmedikament Linsitinib mit diesem System getestet und lieferte Einblicke in seine Wirkung auf Tumor‒ und Herzgewebe, die mit den Ergebnissen klinischer Studien übereinstimmten (Chramiec et al Integrated human organ‒on‒a‒chip model for predictive studies of anti‒tumor drug efficacy and cardiac safety. Lab on a Chip. 23, 2020)
• Das Unternehmen InSphero hat einen Mikrofluidik‒Chip entwickelt, der verschiedene 3D‒Mikroorgane wie Leber‒ und Bauchspeicheldrüsenmodelle miteinander verbindet, um die Wechselwirkungen zwischen menschlichen Organen zu simulieren. Mit dieser Technologie können Arzneimittel an Organnetzwerken getestet werden, was zu einem besseren Verständnis der Auswirkungen von Arzneimitteln auf den menschlichen Körper führt und möglicherweise die Notwendigkeit von Tierversuchen verringert (InSphero | 3D In Vitro Models for Non‒animal Drug Testing).
• Die Firma TNO hat translationale präklinische Modellierungsplattformen für menschliche Organe entwickelt, darunter Liver‒on‒a‒Chip und Gut‒on‒a‒Chip. Diese Plattformen ermöglichen ADME‒Studien (Absorption, Distribution, Metabolismus und Ausscheidung von Arzneimitteln) mit mittlerem bis hohem Durchsatz sowie Wirksamkeitsstudien, die ein besseres Verständnis der Auswirkungen von Interventionen auf die menschliche Gesundheit (Organ‒on‒a‒Chip offers more accurate preclinical studies)
Das NMI (Naturwissenschaftliches und Medizinisches Institut) mit Sitz in Reutlingen fokussiert sich auf die Entwicklung mikrofluidischer Plattformen, welche die Mikroarchitektur und die Funktionen menschlicher Organe nachbilden. Die Entwicklung von Organ‒on‒Chip‒Systemen zielt darauf ab, komplexe menschliche biologische Prozesse zu simulieren und präzisere Modelle für die Evaluierung der Pharmakologie und Toxizität von Arzneimitteln zur Verfügung zu stellen (Organ‒on‒Chip | NMI).
Rainer Wessel bei einem seiner Vorträge: Der promovierte Molekularbiologe bringt Erfahrungen aus der Pharma‒ und Life Science Industrie, von Biotechnologieunternehmen und als Spitzencluster‒Direktor mit. Bild: DKFZ
Was ist Ihre persönliche Draufsicht auf OoC?
Wessel: Wir stehen seit einiger Zeit in Kontakt mit dem InnovationLab und freuen uns, dass unsere Kollegen moderne Technologien für die Arzneimittelforschung aufgegriffen haben und proaktiv vorantreiben. Eine dieser Technologien ist OoC und wir untersuchen weitere Themen/Technologien, die wir gemeinsam diskutieren und hoffentlich anwenden werden.
Wie groß ist Ihre Ambition, den Workshop der iL zum Netzwerken zu nutzen?
Wessel: Wir sehen in einem Workshop, der verschiedene Forschungsdisziplinen zusammenbringt, eine willkommene Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen und interdisziplinär Möglichkeiten zu diskutieren, wie wir unserem Ziel einer verbesserten Arzneimittelforschung näherkommen können.
Zur Person
Dr. Rainer Wessel ist Chief Innovation Officer am DKFZ. Er hat mehr als 30 Jahre Managementerfahrung in der Pharma‒ und Life Science Industrie, als CEO von Biotechnologiefirmen und als Direktor eines Spitzenclusters. Er promovierte in Molekularbiologie an der Universität Konstanz und ist Max‒Planck‒, Boehringer Ingelheim Fonds‒ und DAAD‒Alumni. Zusätzlich ist er als Stabsoffizier bei der Bundeswehr im Bereich Biodefense tätig.
Über das DKFZ
Forschen für ein Leben ohne Krebs das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist Deutschlands größte biomedizinische Forschungseinrichtung und ein weltweit führendes Zentrum der Krebsforschung. Die Mission des DKFZ ist es, innovative Ansätze zur Krebsprävention, diagnose und behandlung zu entwickeln.
Informationen zum LIFE SCIENCE TECH DAY
Weitere Informationen zum Ablauf und zur Anmeldung gibt es auf unserer Webseite unter
https://www.innovationlab.de/life‒science‒tech‒day‒2025
Die Registrierung endet am 22. April, eine Woche vor dem Workshop am 29. April. Für Catering ist in den Räumlichkeiten „iL.Connect.Space“ von InnovationLab gesorgt.
Joachim Klaehn
Head of Communications
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