Warum reichen klassische Zellkulturen für modernes Drug Screening nicht mehr aus?
Konventionelle, zweidimensionale Zellkulturen sind einfach und gut etabliert – aber zunehmend unzureichend. Zwar sind sie skalierbar, doch es fehlen ihnen die räumliche Architektur und die Wechselwirkungen mit der extrazellulären Matrix, die das tatsächliche Zellverhalten maßgeblich bestimmen. In 2D‒Kulturen durchlaufen Zellen häufig eine „Dedifferenzierung“ und verlieren ihre spezialisierten Funktionen sowie ihre für den menschlichen Körper typischen Genexpressionsprofile. Das Resultat ist die bekannte „translationale Lücke“: vielversprechende Ergebnisse in der Petrischale also, die sich in vivo nicht bestätigen.
3D‒Zellmodelle und mikrophysiologische Systeme gehen hier deutlich weiter. Sphäroide, Organoide oder in Hydrogelen eingebettete Zellen wachsen dreidimensional, ermöglichen echte Zell‒Zell‒Interaktionen und erzeugen realistische Sauerstoff‒ und Nährstoffgradienten. Organ‒on‒Chip‒Technologien erweitern diese Modelle um mikrofluidische Strömungen, mechanische Kräfte wie Atmung oder Pulsation und oft auch um mehrere Zelltypen gleichzeitig.
Das Ergebnis sind miniaturisierte, funktionale Gewebe‒ und Organmodelle, die die menschliche Physiologie wesentlich realistischer abbilden – und damit präzisere und verlässlichere Entscheidungen im Drug Screening ermöglichen. Genau darin liegt ihre größte Stärke.
Wie können komplexe biologische Modelle skalierbar und industrietauglich werden?
So leistungsfähig 3D‒Modelle und Organ‒on‒Chip‒Systeme auch sind – ihre Herstellung ist anspruchsvoll. Um den Schritt von einer „Boutique‒Laborinnovation“ zu einem industriellen Werkzeug zu schaffen, müssen komplexe biologische Modelle das Reproduzierbarkeits‒Skalierungs‒Paradoxon überwinden. Der Übergang beruht auf drei Säulen: Standardisierung, Automatisierung und Digitalisierung.
Biologische Variabilität ist der Feind industrieller Prozesse. Skalierbarkeit erfordert, manuelle und variable Schritte durch standardisierte Komponenten zu ersetzen – definierte Matrizes und präzise Ingenieurtechnik. Damit ein Modell „screeningfähig“ ist, muss es sich in bestehende High‒Throughput‒Screening‒(HTS‒)Workflows integrieren lassen – etwa durch robotergestützte Kultursysteme und mikrofluidische Integration. Industrielle Skalierung bedeutet jedoch nicht nur Menge, sondern vor allem Geschwindigkeit von Daten zur Entscheidung. Dafür sind In‒situ‒Sensorik und KI‒gestützte Analyse entscheidend.
Genau hier setzen die drei Sessions von „GENESIS 26“ an: Automatisierte Biofabrikation, integrierte mikrophysiologische Systeme und End‒to‒End‒Automatisierung. Die Vorträge zeigen, wie manuelle Laborarbeit in standardisierte, reproduzierbare Prozesse überführt werden kann. Diskutiert werden unter anderem 3D‒Bioprinting von Zellen, Bioinks und Geweben, robotikgestützte Zellkultur, automatisiertes Chip‒Loading und ‒Assembly sowie Inline‒Qualitätskontrolle mittels Sensorik und Bildgebung.
Das Ziel ist klar: biologische Komplexität durch Automatisierung, Standardisierung und Skalierbarkeit beherrschbar zu machen. Gleichzeitig rücken integrierte mikro‒physiologische Systeme (MPS) in den Fokus – Systeme, die mehrere Organe, Sensoren, Aktoren und Datenanalyse in einer einzigen Plattform vereinen.