iL‒AKTUELL
4. März 2026
Dr. Ramsey Najm: „Wir befinden uns an einem klaren Wendepunkt“
Zu den Sprechern auf GENESIS 26 The LIFE SCIENCE TECH DAY gehört unter anderem auch Dr. Ramsey Najm, Wissenschaftlicher Leiter des Organoid Engineering Lab an der Universität Heidelberg und Kernmitglied von POEM. In seinem zukunftsweisenden Beitrag „Organoide ingenieurwissenschaftlich weiterdenken: Von der Analyse der Konnektivität zu integrierten Multi-Organ-Systemen“ spricht er über die nächste Entwicklungsstufe der Organoid-Forschung. Aus humanen Stammzellen gewonnene Organoide begannen als Werkzeuge zur Erforschung grundlegender Entwicklungsprozesse. Heute entwickeln sie sich rasant zu skalierbaren experimentellen Systemen, mit denen sich untersuchen lässt, wie komplexe biologische Netzwerke entstehen, interagieren und versagen. In seinem Vortrag erläutert Najm, wie die Integration von Organoiden mit Ingenieurwissenschaften, Automatisierung und datengetriebenen Technologien sie zu Plattformen der Systembiologie weiterentwickelt – und damit eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und translationalen Anwendungen schlägt. Seine Botschaft ist klar: Die Zukunft der Humanbiologie liegt in der Verbindung biologischer Komplexität mit technologischer Präzision.
Dr. Ramsey Najm will mit seiner Arbeitsgruppe weg von isolierten Experimenten und hin zu einer systematischen, quantitativen Wissenschaft. Bild: InnovationLab
Fünf Fragen an … Ramsey Najm
Herr Najm, sie arbeiten bei POEM mit hochkomplexen zerebralen Organoiden, Einzelzell-Transkriptomik und barcodierten Tracing-Ansätzen. Was lernen wir heute über neuronale Netzwerke, die vor Kurzem schlicht noch nicht zugänglich waren?
Ramsey Najm: Meine Forschung konzentriert sich darauf, neuronale Identität, transkriptionellen Zustand und Konnektivität direkt innerhalb humaner neuronaler Netzwerke miteinander zu verknüpfen. Dadurch können wir untersuchen, wie spezifische Zelltypen miteinander verschaltet sind, wie sich Netzwerke über die Zeit selbst organisieren und wie genetische Perturbationen die Konnektivität verändern – Fragestellungen, die beim Menschen bislang nicht direkt zugänglich waren. Innerhalb von POEM verfolgen wir das Ziel, diese Ansätze auf komplexere Systeme auszuweiten, die höherstufige Organfunktionen besser abbilden und reichhaltigere, systemische Einblicke in die menschliche Biologie ermöglichen.
Organoide werden zunehmend nicht mehr nur als Modelle einzelner Organe verstanden. Wo stehen wir aktuell beim Übergang von isolierten Organoiden hin zu Assembloiden und Multi-Organ-Systemen?
Najm: Wir befinden uns an einem klaren Wendepunkt. Derzeit werden Assembloide – also Gruppen von Organoiden, die mehrere Organe oder unterschiedliche Regionen eines Organs repräsentieren – häufig lediglich räumlich zusammengebracht und zur Fusion gebracht. Das Feld erreicht nun jedoch eine Phase, in der Expertise aus Disziplinen wie Materialwissenschaften und Ingenieurwesen enormes Potenzial bietet. Dadurch können Assembloid-Systeme entwickelt werden, die komplexe interorganische und interregionale Wechselwirkungen deutlich präziser abbilden. Insgesamt verschiebt sich das Feld von reinen Proof-of-Concept-Ansätzen hin zu reproduzierbaren, standardisierten und zunehmend anspruchsvollen Plattformen.
Arbeitet seit August 2025 mit seinem Team am InnovationLab: Dr. Ramsey Najm, hier beim letztjährigen LIFE SCIENCE TECH DAY. Bild: Lukas Adler
„Experimentelle Ausleseverfahren skalieren“
Mit dem neuen Organoid Engineering Lab verfolgen Sie das Ziel, Organoid- und Assembloid-Modelle skalierbarer und hochdurchsatzfähig zu machen. Wo liegen heute die größten technischen und konzeptionellen Hürden?
Najm: Die größten Herausforderungen liegen darin, die Ursachen von Variabilität in diesen komplexen Modellen besser zu verstehen und experimentelle Ausleseverfahren entsprechend zu skalieren. Historisch wurden viele zweidimensionale Methoden auf dreidimensionale Systeme übertragen. Künftig benötigen wir gezielt entwickelte bioingenieurtechnische Ansätze, die eine kontrollierte Organisation von 3D-Geweben ermöglichen und gleichzeitig detaillierte Hochdurchsatzmessungen erlauben. Automatisierung, Materialwissenschaften, Ingenieurwesen und maschinelles Lernen sind hierfür besonders geeignete Werkzeuge.
Ihre Forschung verbindet Biologie, Engineering, Bildgebung und datengetriebene Ansätze. Wie wichtig sind integrierte Plattformen für die nächste Entwicklungsstufe der Organoidforschung?
Najm: Sie sind essenziell. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem keine einzelne Disziplin die Komplexität dieser Systeme allein bewältigen kann. Gleichzeitig haben Screening- und genetische Manipulationsverfahren eine Größenordnung erreicht, die groß angelegte experimentelle Pipelines realistisch macht. Integrierte Plattformen ermöglichen es, Organoide in einem durchgängigen Workflow zu kultivieren, zu perturbieren, zu visualisieren und zu analysieren – und transformieren die Organoidforschung damit von isolierten Experimenten hin zu einer systematischen, quantitativen Wissenschaft.
Welche Anregungen wollen sie mithilfe Ihres Lightning Talks bei GENESIS 26 für die Expertinnen und Experten setzen – was soll das Publikum von POEM und Ihnen mitnehmen?
Najm: Dass Organoide sich zu einer echten Systembiologie-Technologie entwickeln. Ich hoffe, dass die Teilnehmenden mitnehmen, dass die Kombination humanbasierter Modelle mit ingenieurwissenschaftlichen und datengetriebenen Disziplinen es ermöglicht, biologische Komplexität zu skalieren, zu kontrollieren und systematisch zu untersuchen – in einer Weise, die zuvor nicht möglich war.
Zur Person
Dr. Ramsey Najm ist Wissenschaftlicher Leiter des Organoid Engineering Lab an der Universität Heidelberg und Kernmitglied von POEM. Seine Forschung fokussiert sich auf humane iPSC-basierte Organoide, die Analyse neuronaler Netzwerke sowie skalierbare, datengetriebene Ansätze des Tissue Engineerings.
Über POEM
POEM (Precision Organoid Engineering for Multi-Organ Interaction Studies) ist eine interdisziplinäre Plattform an der Universität Heidelberg, die sich der Entwicklung skalierbarer humaner Organoid- und Assembloid-Systeme durch die Integration von Biologie, Ingenieurwissenschaften, Automatisierung und computergestützter Analyse widmet.

Das Interview führte Joachim Klaehn

Event-Details
GENESIS 26 The LIFE SCIENCE TECH DAY
Thema:
„Entwicklung der nächsten Generation von Plattformen für Krankheitsmodellierung und Wirkstofftests“ (Engineering Next‒Generation Platforms for Disease Modeling and Drug Screening)
Hinweis:
GENESIS 26 The LIFE SCIENCE TECH DAY wird in englischer Sprache stattfinden
Wann?
Donnerstag, 12. März 2026 (9.30 17.00 Uhr)
Wo?
FRAUENBAD im Alten Hallenbad von Heidelberg, Bergheimer Straße 45, 69115 Heidelberg
Teilnahmegebühr:
70,00 Euro
Ansprechpartner:
Dr. Reza Taale, Cluster Manager, Tel.: +49 (0) 157 806 444 92, E‒Mail: reza.taale@innovationlab.de

Dr. Kerstin Zyber‒Bayer
Senior Manager Strategic Marketing & Communications
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