iL‒AKTUELL
25. März 2026
Dr. Sylvia Boj: „Menschliche Biologie lässt sich mit bislang unerreichter Präzision modellieren“
Die Keynote von Dr. Sylvia Boj “From Bench to Bedside: Patient-Derived Organoids as Predictive Preclinical Systems“ („Von der Laborbank ans Krankenbett: Patientenabgeleitete Organoide als prädiktive präklinische Systeme“) bei GENESIS 26The LIFE SCIENCE TECH DAY steht für einen grundlegenden Wandel in den Life Sciences: weg von vereinfachten Modellen hin zu humanrelevanten Systemen, die Patientenergebnisse verlässlicher vorhersagen können. Aufbauend auf ihrer Erfahrung bei der Etablierung erwachsener stammzellbasierter Organoide im Labor von Hans Clevers, der Weiterentwicklung der Technologie zu einer industriefähigen Plattform bei HUB Organoids sowie der aktuellen Integration in das Ökosystem Forschung & Entwicklung von Merck, verbindet Dr. Sylvia Boj wissenschaftlichen Durchbruch mit praktischer Umsetzung.
Organoide stehen an der Schnittstelle von Innovation, Standardisierung, Automatisierung und Validierung – und greifen zugleich die wachsende Dynamik auf, Tierversuche zu reduzieren und frühzeitig bessere Entscheidungen in der Arzneimittelentwicklung zu ermöglichen. Dr. Bojs Perspektive beleuchtet sowohl die Chancen als auch die noch bevorstehenden Aufgaben und motiviert die Teilnehmenden rund um eine gemeinsame Mission: den Aufbau der nächsten Generation prädiktiver, menschenzentrierter F&E.
Dr. Sylvia Boj, HUB Organoids, Merck Group. Bild: InnovationLab | Lukas Adler
Fünf Fragen an … Sylvia Boj
Frau Boj, während Ihrer Postdoc‒Zeit als EMBO‒Stipendiatin am Hubrecht Institute im Labor von Hans Clevers waren Sie an der Entwicklung der ersten humanen Organoide aus erwachsenen Stammzellen beteiligt. Rückblickend: Welche entscheidenden Momente oder Erkenntnisse haben Sie überzeugt, dass diese Technologie die präklinische Forschung grundlegend verändern könnte?
Sylvia Boj: Ich erinnere mich noch gut, wie begeistert Hans war, als er mir das erste Maus-Darmorganoid-Modell zeigte, das Toshiro im Labor etabliert hatte – eine 3D-Struktur, in der die Krypten klar erkennbar waren. In diesem Moment habe ich ehrlich gesagt noch nicht vollständig erfasst, wie transformativ diese Modelle einmal sein würden. Beeindruckend war, wie erwachsene Stammzellen zu stabilen, sich selbst organisierenden Strukturen heranwachsen konnten, die Genetik und funktionelles Verhalten des ursprünglichen Gewebes beibehielten. Zunächst schien die offensichtlichste Anwendung im Bereich der regenerativen Medizin zu liegen. Der eigentliche „Eureka“-Moment kam jedoch, als wir erkannten, wie prädiktiv diese Kulturen für das Ansprechen von Patientinnen und Patienten waren. Da wurde klar: Das war nicht nur ein weiteres Zellmodell – es war ein völlig neues konzeptionelles Rahmenwerk für die präklinische Forschung. Zum ersten Mal konnten wir die Lücke zwischen einfachen Zellkultursystemen und der Komplexität der menschlichen Biologie auf experimentell handhabbare und zugleich skalierbare Weise überbrücken.
Als Mitgründerin von HUB Organoids haben Sie dazu beigetragen, die Organoid‒Technologie von einer akademischen Innovation in eine industriefähige Plattform zu überführen. Was waren die größten wissenschaftlichen und organisatorischen Herausforderungen, um Organoide robust, reproduzierbar und skalierbar für den industriellen Einsatz zu machen?
Boj: Die Überführung eines akademischen Durchbruchs in eine industrieakzeptierte Plattform war eine äußerst spannende Reise. In den Anfangsjahren von HUB investierten wir viel Energie in den Aufbau „lebender“ Biobanken, die zahlreiche Patientinnen und Patienten – insbesondere im Bereich der Onkologie – repräsentierten. Als Ausgründung aus dem Labor, in dem die Technologie entwickelt wurde, verfügten wir über das nötige Wissen und die Expertise, um selbst Experimente und Assays durchzuführen – daraus entwickelte sich schließlich unser Servicegeschäft. Das führte frühzeitig zu Gesprächen mit Industriepartnern: Zunächst, um deren Anforderungen an patientenabgeleitete Organoid-Assays zu verstehen, und anschließend, um unsere Prozesse entsprechend anzupassen. Wissenschaftlich investierten wir stark in die Definition standardisierter Kulturbedingungen. Dazu gehörte das systematische Testen und Validieren hochwertiger Reagenzien – Wachstumsfaktoren, Inhibitoren und andere Schlüsselkomponenten –, um eine zuverlässige Expansion verschiedener Organoid-Modelle sicherzustellen. Organisatorisch führten wir Qualitätssysteme, robuste Prozesse, klare Dokumentation (Laborhandbücher, SOPs) und Trainingsprogramme ein, um Reproduzierbarkeit zu garantieren. Für die Skalierung mussten wir schließlich unsere Workflows ganzheitlich neu denken – von der Biobank über die Assay-Entwicklung bis hin zum Screening –, damit Organoide mit der von der Industrie erwarteten Konsistenz produziert, charakterisiert und getestet werden konnten. All dies war nur dank enger Zusammenarbeit zwischen den Teams aus Forschung, Qualität, Operations und Business Development sowie langjährigen Partnern möglich.
„Tierversuche reduzieren“
Was benötigt die Industrie heute am dringendsten von humanrelevanten Modellsystemen und wie helfen Organoide, die Lücke zwischen präklinischer Forschung und Patientenergebnissen zu schließen?
Boj: Die Industrie benötigt zunehmend Modelle, die menschliche Erkrankungen mit hoher Genauigkeit abbilden, mechanistische Einblicke ermöglichen und ausreichend prädiktiv sind, um Risiken in der Arzneimittelentwicklung zu reduzieren. Organoide erfüllen diese Anforderungen, indem sie Patientendiversität erfassen und Gewebearchitektur, Genotyp und Phänotyp erhalten. Sie helfen, die translationale Lücke zu schließen, indem sie Wirksamkeit und Toxizität von Wirkstoffen in einem Kontext testen lassen, der der späteren Zielpopulation ähnelt. Das verbessert nicht nur die Entscheidungsqualität, sondern unterstützt auch ethischere und effizientere Entwicklungswege. Zusätzlich verstärken Initiativen wie der FDA Modernization Act die Dynamik, Tierversuche zu reduzieren. Das motiviert Industrie und Technologieentwickler gleichermaßen, das Potenzial von Organoiden – allein oder in Kombination mit mikrofluidischen Systemen – weiter zu validieren und auszuschöpfen.
Nun zu Merck: Wo sehen Sie in den nächsten fünf Jahren die größten Chancen für Organoide – und welche Limitationen müssen noch adressiert werden?
Boj: Als Teil von Merck sind die Möglichkeiten enorm, die Nutzung patientenabgeleiteter Organoide als überlegene In-vitro-Plattform für präklinische Forschung und Grundlagenforschung weiter zu beschleunigen. Ich sehe großes Potenzial in mindestens drei Bereichen. Erstens: Frühe Wirkstoffforschung. Humanrelevante Biologie kann Zielvalidierung und Hit-Priorisierung leiten und so die Wahrscheinlichkeit erhöhen, patientenwirksame Substanzen zu identifizieren. Zweitens: Sicherheitsbewertung. Insbesondere für Gewebe, für die bislang noch keine ausreichend prädiktiven Modelle existieren. Drittens: Kombination mit KI-Ansätzen. Organoid-Daten können mit KI-basierten Methoden verknüpft werden, um präzisere translationale Modelle zu entwickeln. Gleichzeitig müssen Limitationen wie Kulturvariabilität, begrenzter Durchsatz und die Integration zusätzlicher Komponenten – etwa Immunzellen oder mikrostrukturierter Umgebungen – weiter adressiert werden. Standardisierung und Automatisierung bleiben entscheidend, um das volle Potenzial dieser Systeme zu entfalten.
Auf der Bühne beim Forum in Heidelberg: Chief Scientific Officer Dr. Sylvia Boj. Bild: InnovationLab | Lukas Adler
Welche Botschaft möchten Sie den Teilnehmenden von GENESIS 26 mitgeben?
Boj: Wir leben in einer neuen Ära, in der sich menschliche Biologie mit bislang unerreichter Präzision modellieren lässt. Doch um dieses Potenzial auszuschöpfen, braucht es echte Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Start-ups und Industrie. Keine einzelne Organisation kann diesen Wandel allein vorantreiben. Wenn wir innovative Technologien mit wissenschaftlicher Exzellenz und konsequenter Validierung verbinden, haben wir die Chance, die Entwicklung erfolgreicher Therapien grundlegend neu zu gestalten. Ich möchte, dass sich die Teilnehmenden inspiriert und motiviert fühlen: Wir haben jetzt die Möglichkeit, eine Technologie weiterzuentwickeln, die einen echten Paradigmenwechsel in der Arzneimittelentwicklung darstellt.
Zur Person
Sylvia Boj promovierte an der Universität Barcelona und absolvierte ihre Postdoc-Zeit als EMBO-Stipendiatin am Hubrecht Institute im Labor von Prof. Hans Clevers, wo sie an der Entwicklung der ersten humanen Organoide aus erwachsenen Stammzellen beteiligt war. Als Mitgründerin von HUB leitete sie Programme zu Mukoviszidose und Pankreaskarzinom und spielte eine zentrale Rolle bei der Transformation der Organoid-Technologie von einem akademischen Durchbruch zu einer skalierbaren, industriefähigen Plattform. Als Scientific Director und später Chief Scientific Officer prägte Sylvia Boj die wissenschaftliche Strategie von HUB, baute internationale Partnerschaften aus und verantwortete die erfolgreiche Kommerzialisierung organoidbasierter Assays für Wirkstoffforschung und personalisierte Medizin. Heute bei Merck treibt sie die Integration humanrelevanter biologischer Modelle in F&E-Pipelines voran und beschleunigt die Entwicklung wirksamerer Therapien.
Über HUB Organoids
HUB Organoids ist weltweit führend in der patientenabgeleiteten Organoid-Technologie. Die patentierte Plattform ermöglicht es Arzneimittelentwicklern, klinische Kandidaten in patientenrelevanten In-vitro-Systemen zu identifizieren und zu validieren. Das Unternehmen überbrückt die Lücke zwischen Labor und Klinik und trägt dazu bei, effektivere therapeutische Lösungen schneller zu entwickeln.

Das Interview führte Joachim Klaehn
Dr. Kerstin Zyber‒Bayer
Senior Manager Strategic Marketing & Communications
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